RFS-ALVIV
RFS-Titel
NAV-04
Kurzgeschichten-Titel
Donna kriegt Herrn Lehmann rum2

Eine weihnachtliche Geschichte von Ute Fischer und Bernhard Siegmund

Donna erwachte von einem leisen Seufzer. Er kam vom Sofa und klang seltsam, so gar nicht nach „Hallo meine Süße“, sondern mehr nach  „Es geht mir nicht gut“.  Sie vergaß das Räkeln und sprang sofort los. Die Hand ihres Frauchens hing schlaff auf dem Boden. Donna leckte daran und spürte, dass da etwas nicht stimmte. Frauchen griff gar nicht nach ihr, um sie zu kraulen. Donna bekam es mit der Angst zu tun.  Da stimmte etwas nicht. Frauchens Mund war leicht geöffnet. Es kam nur ein Röcheln. Aber die Augen signalisierten Donna: Du  musst Hilfe holen.
Donna überlegte panisch. In der Wohnungstüre steckte der Schlüssel. Da kam sie nicht heraus. Wie konnte sie sich bemerkbar machen?  Dr. Lehmann von nebenan war ein mürrischer alter Mann. Er mochte sie nicht. Jedes Mal, wenn sie ihm im Haus über den Weg lief, scheuchte er sie die Treppe hinunter. Auf der anderen Seite wohnte Klara Magnus. Die war lieb, aber tagsüber nicht zuhause. Donna lief zum Balkon. Die Türe war nur angelehnt. Sie überlegte nicht lange und sprang auf die Balkonbrüstung. Es gab nur eine Richtung: Dr. Lehmann. „Ob er mir die Balkontüre aufmacht“, fragte sich Donna. „Ob er begreift, dass wir seine Hilfe brauchen? Oder ob er mich vom Balkon wirft? Zuzutrauen wäre es ihm. Und noch  aus dem dritten Stock“
Donna zitterte bei diesem Gedanken, aber die Angst um ihr Frauchen duldete keinen Aufschub. „Es sind nur zwei Meter“, sie zwang sich zur Konzentration und spannte alle Muskeln an. Auf dem Lehmann-Balkon stand ein Wäschetrockner mit Unterwäsche; der könnte ihren Schwung abfangen. Sie sprang. Wumms. Donna landete mit den Vorderpfoten in Lehmanns Unterhosen. Davon fiel der Wäscheständer um und gegen die Balkontüre. Es rummste mächtig. Donna versuchte eiligst, sich aus der Wäsche zu befreien. Sie zappelte und strampelte und geriet immer tiefer in die Höhlen der Hosenbeine. Dabei schrie und fauchte sie so laut, als ob ein Kater hinter ihr her wäre. 
Dr. Lehmann riss die Balkontüre auf. Seine dicken Brillengläser kamen bedrohlich näher. „Was machst Du hier, Du Katzenvieh“, polterte Lehmann los und griff nach der zappelnden Donna. Er zog sie am Nacken aus seinen Unterhosen und hielt sie triumphierend über das Geländer.  „Kannst Du fliegen, Katze?  schrie er sie an. Donna hing bewegungslos in seiner Pranke und maunzte kläglich. Er ließ sie auf den Balkonboden fallen. Donnas Herzchen pochte wie ein Presslufthammer. Am liebsten wäre sie davon geflitzt wie ein Blitz, aber sie blieb sitzen und schaute zitternd zu Dr. Lehmann hoch. Panisch überlegte sie, wie sie ihn verblüffen könnte, damit er  sie nicht einfach wegscheuchen Donna 01würde. Wie immer machte er „Ksch dumme Katz“ und öffnete seine Wohnungstüre. Aber Donna legte sich hin und bewegte die Pfoten, obwohl sie große Angst hatte, dass er sie tritt.
Dr. Lehmann kratzte sich am Hinterkopf. Was war denn das? So eine blöde Katze hatte er ja noch nie gesehen. Donna rappelte sich nun auf und ging langsam zur offenen Wohnungstüre.  Sie ging aber nicht hinaus, sondern blieb laut miauend auf der Schwelle stehen. Sie maunzte laut und eindringlich. Dabei tippte ihre Schwanzspitze auf den Boden.  Dr. Lehmann spürte,
dass etwas nicht stimmte. Er klopfte an die Nachbartüre und rief: „Hallo, ist alles in Ordnung?“ Kein Laut. Keine Antwort. Donna sprang nun an der Türe hoch und miaute so laut, als ob sie den Türknopf zum Weinen bringen könnte. Nichts. Lehmann klopfte lauter: „Frau Summa, hören sie mich?“ Nichts. Kein Ton. Lehmann rannte zum Telefon und wählte die  112. Die Ambulanz kam schnell. Sie brachen die Türe auf und fanden Donnas Frauchen mit einem Schlaganfall. So schnell konnte Donna gar nicht realisieren, da war ihr Frauchen auch schon auf einer Trage und wurde die Treppe hinunter getragen. Donna wollte mit ins weiße Auto springen, aber die Sanitäter schubsten sie weg. So blieb sie einsam am Straßenrand sitzen und dicke Tränen kullerten in ihre Schnurrhaare.
Es begann zu Schneien. Donna schüttelte immer wieder den Schnee von Kopf und Rücken. Sie ahnte, dass Frauchen heute nicht mehr kommen würde. So schlich sie zurück zur Wohnung. Aber oh Schreck, die war mit einem Riegel zugeschraubt. Wohin? Donna kringelte sich auf die Fußmatte und wimmerte vor sich hin. Sie merkte erst gar nicht, dass sich die Nachbartür geöffnet hatte. Dr. Lehmann stand im Türrahmen und beäugte sie von oben herab. „Katzenvieh komm rein“ rief er dann barsch. Donna überlegte. Was hatte er mit ihr vor?  Über den Balkon werfen?  Als Weihnachtsbraten? „Na komm schon“ brummte Lehmann erneut. Und Donna folgte ihm in seine Wohnung. In der Küche stellte er ihr ein Schälchen Wasser hin. Ja, Durst hatte sie wirklich. Aber das andere??? „Dein Katzenklo habe ich natürlich mitgenommen“, erklärte er ihr im Badezimmer. „Aber dass Du mir nicht daneben kackst!“ Donna war erleichtert. „Aber nur, bis Dein Frauchen wieder heimkommt“, brummelte er weiter und setzte sich zum Fernsehen aufs Sofa. Donna strich ihm dankbar um die Beine. Als sie merkte, dass Dr. Lehmann eingenickt war, sprang sie auch auf das Sofa und kuschelte sich vorsichtig an ihn. Im Fernsehen sang ein Chor Weihnachtslieder. Und plötzlich fühlte sie ein Streicheln auf ihrem Fell. Schnurr.


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