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Kurzgeschichten-Titel
Fahnengeflüster

Eine Nach-Weihnachtsgeschichte von Ute Fischer und Bernhard Siegmund

Dicke Schneeflocken wirbelten vom abendlichen Silvesterhimmel. In den Häusern standen schon die Sektgläser bereit. Aber noch schwiegen die Raketen und Knallfrösche. Ein Kater, bemüht noch rechtzeitig vor dem Höllenlärm nach Hause zu kommen, hob irritiert das Köpfchen. Etwas raschelte in der Luft, wie ein Tischtuch, das ausgeschüttelt wird. Dann folgte ein angestrengtes "Nnnn" und dann ein "Äj". "Mach Dich nicht so breit, Du Null", wisperte es. "Selber Null", tuschelte es zurück, "Du bist genauso breit wie ich. Wir haben nämlich das selbe Schnittmuster!" "Haltet endlich die Klappe", mischte sich nun die Zwei ein: "Ohne mich kämt ihr nur auf Lokustüren und überhaupt, eine Null zu sein, ist keine Auszeichnung!"
_Fahnengeflüster, Zahlengemurmel
"Jetzt mach mal halblang" protestierten die Nullen, "ohne uns wären Lottogewinne aber mickrig klein". "Okay", lenkte die Zwei ein und feixte erneut "aber ohne mich oder eine meiner Schwestern davor bleibt ne Null immer ne Null ohne Wert!" "Frechheit", zeterte die Eins, "jetzt steht die Zwei gerademal im zweiten Jahr vorne und gibt schon an wie ein ganzes Jahrtausend. Ich wohne von Anfang an auf der Fahne, zwölf Jahre lang. Ich war die allererste Zahl, die Ute und Bernhard aufgenäht haben". "Aber jetzt verschwindest Du in der Kiste", zischte die Zwei zur Eins, "und wer weiß, ob Du in neun Jahren wieder zu uns darfst, so ausgefranst wie Du aussiehst, Du schäbiger Rest eines Faschingskostüms".

"Ganz schön kleinkariert" lallte es eine Etage höher. "Wir Buchstaben schunkeln vereint und ohne Zoff. Wir sind ja auch ein tolles Wort und sogar lateinisch. "Nix da", maulten die Nullen und die Eins, "ohne uns sieht jedes Wort alt aus. Wir beherrschen nämlich die gesamte moderne Technik. Ohne uns funktionieren weder Computer, noch Telefon und Fernsehen. Basta!" "Ach lassen wir doch den Streit", lenkte nun die Eins ein. Genießen wir doch lieber die Erinnerung". "Ja, erzählt doch mal", mischte sich die Zwei versöhnlich ein, "ich weiß noch fast gar nichts von Euch und von Ute und Bernhard". Da begann die Eins nachzudenken.

"Ute hatte sich einen Fahnenmast zu Weihnachten gewünscht und bekommen. Da stand der lange Lulatsch dann in der Sonne mit der nagelneuen weiß-blauen Bayernfahne. "Na Du Fahnenmast-Besitzerin", frotzelte Bernhard, "eigentlich müsstest Du jetzt eine Neujahrsfahne nähen und aufziehen". "Machst Du mit", tönte es prompt zurück. Und damit begann ein anstrengender letzter Tag des Jahres 1989.

Auf einem Block skizzierte Bernhard erstmals die Fahne und erschrak, wie groß die sein musste, um in acht Metern Höhe noch zu wirken. Mehr als einen Meter breit und drei Meter lang, rechnete er aus. Auch mich, die zwei Neunen, die Acht und das Wort malte er, aber noch ganz klein im Entwurf.

Gott sei Dank hatte der Dekoladen in Zeilhard diesen hübschen Stoff hier mit den Konfetti-Tupfern. Und während Ute den Riesenfetzen einsäumte, rechnete Bernhard unsere Originalgröße aus. Damals bin ich selbst erschrocken, weil er meiner superschlanken Silhouette einen dicken Unterleib verpasste und mich auf 80 Zentimeter Höhe aufpustetete. Die Neunen hätten fast gemeutert, weil er an ihnen elendig rumgeschnippelt hat, bis sie hinter mich und die Acht passten. Auch Euch Buchstaben da oben erging es nicht anders, oder was meint ihr, warum ihr so versoffen herumtorkelt. Außerdem: Für unser Schnittmuster war die Frankfurter Allgemeine gerade groß genug. Für Euch Provinz-Buchstaben reichte schon das Darmstädter Echo."

"Angeber", fauchten die Buchstaben synchron und kuschelten sich aneinander; denn es war gegen Morgen kälter geworden. "Auf alle Fälle iszt esz szön, dasz wir wasz Beszeresz geworden szind alsz alte Putzlappen", lispelte das S, "ich zum Beiszpiel war mal ein buntgeblümtes Szommerkleid". "Ich war ein Tennisröckchen", kokettierte das R "und ich ein Nachthemd von Bernhards erster Frau" prustete das O. "Als Abendkleid standen wir uns mal sehr nah", meldeten sich P und T zu Wort. "Ich bin am tiefsten

gesunken", seufzte das I, "dabei war ich mal das Lieblingskissen von Oma Schuster". Der gelbe I-Punkt schwieg. Es war ihm wohl doch etwas peinlich, dass er aus dem gleichen gelben Faschingsfetzen wie die Eins stammte.

"Könnt Ihr Euch vorstellen, wie mühsam das Ganze war", fuhr die Eins fort. "Stundenlang lagen die Beiden auf dem Boden und hefteten uns auf die Fahne. Immer und immer wieder wurstelte uns Ute unter dem Nähmaschinenarm durch, bis alle Nähte saßen. Deshalb war es schon stockdunkel, als wir endlich an die frische Luft kamen und zum ersten Mal am Fahnenmast hochgezogen wurden. Den Rest kennt Ihr ja, wenn Bernhard die zwei Strahler genau auf uns ausrichtet und uns dann Punkt Mitternacht als ´seine lautlose Neujahrsrakete´ im Scheinwerferlicht erstrahlen lässt."

"Achtung, gleich geht´s los", hechelte die Eins aufgeregt. "Nachbar Steffen baut schon die Raketen auf und Bernhard steht am Lichtschalter. Wenn doch wenigstens ein Lüftchen käme. Ihr

Buchstaben da oben, merkt ihr nichts?" "Doch, doch, da kommt was" sangen die sechs im Chor. "Plustert Euch schön auf, damit uns alle sehen" raunten die Nullen. "Oh ja, jetzt spüren wir´s auch. Schöön breit sind wir jetzt. Aber wo bleibt denn das Licht. Mensch Bernhard beeil dich! Jaaa, endlich, schaut ruhig zu uns rauf."

"Spinnen die da unten", kreischte die Zwei, "die Raketen zielen genau auf uns. Vorsicht, macht euch klein, da kommt die erste angezischt". "Uff", schnappte die Eins, "das war knapp. Da kommt schon wieder eine angeheult. Au, das riecht hier ja schon richtig verbrannt. Merkt Ute denn nicht, wie wir hier abgeschossen werden?" "Doch", japste das S, "jetzt ruft szie wasz rüber. Gottszeidank, die tragen die Flaszchen mit den Raketen weiter weg." "Jetzt können wir uns das schöne Feuerwerk auch ohne Angst ansehen", johlten die sechs Buchstaben. "Von hier oben haben wir eine tolle Sicht. Und wenn die bunten Lichter längst verglüht sind, schicken wir unseren Neujahrsgruß immer noch zu den Menschen runter. Prosit 2001!"

© Fischer + Siegmund 2000