RFS-ALVIV
RFS-Titel
NAV-04
Kurzgeschichten-Titel
Kirchkern

Eine erwärmende Geschichte von Ute Fischer und Bernhard Siegmund

Weihnachten in einem dunklen Sack: "Äi..., drängelt nicht so. Es ist hier schon eng genug. Was Ute sich eigentlich dabei denkt, uns alle in einen Fetzen Stoff einzunähen."
Von nebenan tönt es hysterisch: "Ja, unmöglich, und dann noch diese ewige Aufheizerei; ich komme dabei richtig ins Schwitzen. Dabei bin ich doch schon rappel-trocken."
"Ihr habt nicht zugehört", meldet sich ein drittes Etwas: "Unsere warmen Körper helfen den Menschen, ihre kleinen und großen Zipperlein zu lindern oder gar zu kurieren."
"Eigentlich kein schlechter Zweck am Ende unserer Tage", meldet sich nun ein viertes Kernlein. "Viele unserer Kollegen wurden einfach auf den Müll gekippt oder in die Kompostieranlage gekarrt. Ja, aber einige von uns haben sich schon vor dem Maischefass ganz heimlich in einer Ecke im Garten verkrümelt; die wachsen jetzt prächtig in die Höhe."
"Hihi", schallt es aus einem Sackzipfel, "wartet ab, das geht nur so lange gut, bis sie der Bernhard erwischt; der reißt sie mit allen Wurzeln aus."
"Ha", platzt es aus einem anderen Sackzipfel, "mitten im Jasminstrauch neben dem Essigbaum hab ich eine Kirsche gesehen, die hadder nich gesehn, die iss schon ziemlich dick. Da reißt er sich höchsten die Arme aus."
Zögernd rührt sich ein anderes Stimmchen. "Wisst Ihr noch, w_Kirschkerngewisperie er unseren schönen Baum mit der Kettensäge zurecht stutzte. Da sehe ich für die Essigbaum-Kirsche ziemlich schwarz.""Ich weiß gar nicht, wie ich hierher gekommen bin", seufzt ein kleiner Kirschkern. "Alles ging so schnell und ich fühle mich richtig in die Mangel genommen."
"Ich, iich", meldete sich nun ein etwas dickerer Kern, "ich hab die meiste Zeit oben gelegen und fast alles mitbekommen. Dass wir nur mit etwas Glück den Amsel- und Starenschnäbeln entkamen, hat uns nicht viel genützt. Mit langen Leitern sind Ute und Bernhard fast bis ganz in die Spitze unseres Baums geklettert und haben uns abgepflückt. Alles was höher war, hat Bernhard mit der Kettensäge einfach abgesägt, rumms. Oh gedenket der Schwestern und Brüder, die unter den Ästen hingen...zermatscht. Alle anderen hat dann Oma Schuster im Sitzen abpflücken können - ganz schön fleißig die 91-jährige."
"Weiter, weiter", heischen nun die anderen Kirschkerne. "Endlich mal einer, der was mitgekriegt hat". Und da fährt der Kern fort: "In einer Schnapsbrennerei schütteten sie uns in einen großen Trichter und leierten uns zwischen zwei Walzen mit scharfen Zähnen durch. Das spritzte nur so vor Kirschensaft; aber wir Kerne passten erstaunlicherweise genau zwischen die Walzen. Nur ganz selten hat es geknackt und einige unserer Kollegen zermalmt." "Ooch", stöhnen da einige Kerne auf und lauschen weiter.
"Ein paar Monate blubberten wir in einem großen Fass. Es gärt gut sagte der Brennermeister Göbel zu Bernhard und rührte uns mit langen Gummihandschuhen kräftig um. Wir wurden langsam immer besoffener von dem Alkohol, der aus unserem Fleischmantel entstand. Irgendwann war es dann auch mit dieser heimeligen Ruhe vorbei. Mit einem dicken Schlauchrüssel saugte uns der Brenner in einen runden Kupferkessel. Das war eine ziemlich heiße Angelegenheit, mit der uns der Alkohol rausgekocht wurde. Dieser Obstbrand aus uns Kirschen muss etwas Besonderes sein. So viele lobende Ah und Oh hab ich vorher auf dem Baum jedenfalls von Menschen nicht gehört. Irgendwann öffnete sich ein großes Loch und wir rutschten als dicker Brei durch einen weiten Rohrstutzen in eine Auffangwanne."
"Und dann...?" Alle Kirschkerne knirschen sich vor Neugier aneinander. "Jetzt kam die für uns lebensverlängernde Entscheidung. Ute ließ unsere Kernepampe in ein Fass füllen und nahm uns mit nach Hause. Kirschkernkissen wollte sie damit füllen. Ich weiß nicht, ob das die bessere Zukunft war. Wir mussten nämlich eine Menge an Torturen über uns ergehen lassen, bis wir glatt und blank genug waren, um uns als Kissenfüllung zu eignen."
"Ja", rufen da einige Kerne, "das war schlimm. Erst langes Rumwirbeln in einer Rührschüssel, Aufkochen mit Geschirrspül-Tabs, Rubbeln zwischen den Händen, dazu viele heiße und kalte Duschen und am Ende noch lange Trockengänge in einem riesigen Backofen. Das waren nicht gerade Spaziergänge."
Da müssen alle kichern. "Jetzt rascheln wir hier in diesem bunten Stoffbeutel und harren der Dinge, die auf uns zukommen. Ute und Bernhard wollen mit uns ja zu Weihnachten ein bisschen Wärme an Bedürftige verschenken.""Hohoo", meldete sich der dicke Kirschkern wieder, "ich kann mir das ganz schön vorstellen, das schlanke Knie einer netten Dame zu wärmen oder vielleicht sogar den Bauch."Red´ nicht so´n Blödsinn", schneidet ihm ein anderer das Wort ab,..."nette Damen mit schlanken Knien haben keinen Bauch. Ist doch eigentlich egal, ob Dame oder Mann mit Bauch. Hauptsache wir haben ein bisschen Spaß und bleiben zusammen. Aber besonders schön finde ich, dass wir noch ein wohltätiges Werk tun für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen - wenn´s hier bloß nicht so dunkel wäre."

© Fischer + Siegmund 2001