RFS-ALVIV
RFS-Titel
NAV-04
Kurzgeschichten-Titel
Metamorphose

Eine Weihnachtsgeschichte von Ute Fischer und Bernhard Siegmund

Schneegestöber verdunkelte die Fensterscheiben des Wohnzimmers an jenem Nachmittag des Heiligen Abends. Sparsames Licht einer Straßenlaterne und im Wind wippende Äste verliehen dem von Jahrzehnten verknautschten Lametta am fertig geschmückten Baum filigranes Funkeln. An seinem Fuß lagen bunt verpackte Päckchen und Tütchen, dekorativ aneinander gelehnt, damit man die Namenszettelchen gut lesen konnte. Der Esstisch war festlich gedeckt mit silbernen Platztellern und dekoriert mit roten Kerzen und Fichtenzweigen auf weißem Damasttuch. Und auf jedem Platzteller stand eine zum Tannenbaum drapierte Weihnachtsserviette.Noch brannten keine Kerzen, keine Lampe. Noch erklangen keine Lieder und Glöckchen. Stille stand im Raum, als würde die Zeit den Atem anhalten in Erwartung auf das Christkind. Diese fast heilige Lautlosigkeit unterbrach ein merkwürdig feines leises Geräuschchen vom Fußboden.
"Drängelt doch nicht so. Es ist schon eng genug in diesem dunklen Sack." Nach einem Moment der Stille, meldete ein kleines Kullern und Purzeln erneute Bewegung.
"Hallooo, ist da wer?" Wieder ertönten Laute wie Kügelchen, die über eine Treppenstufe kullerten. Und ein zartes Stimmchen weinte: "Ist es denn mit der Quälerei noch immer nicht genug? Erst haben die Stare und Amseln nach uns gepickt. Dann haben sie uns gepflückt und durch zwei Walzen mit spitzen Zähnen gejagt. Dabei hat es etliche von uns richtig zerbröselt. Und jetzt haben Sie uns noch in einen Sack eingenäht. Huh, ich fürchte mich so!"
Nun rappelte es an einer anderen Ecke des Säckchens: "Aber, aber geil war es im Maischefass. Nach den drei Monaten war ich total besoffen. Und um mich herum blubberte es so niggelich, währe_Metamorphose oder die neuen Heilsbringernd sich meine Kleider in Saft auflösten." Nun ertönte ein spitzer Schrei: "Komm mir nicht zu nah, Du bist ja ganz nackig und stinkst nach Schnaps!" Etwas kicherte: "Dummerchen, wir sind doch alle nackig und riechen nach Kirschwasser!" Darauf erfolgte ein entsetzter eintöniger lang gezogener Seufzer aus 300 Stimmchen: "Ooh neihn?" Danach lähmte eine Minute des Schweigens die Kommunikation.
Das leise unverständliche Durcheinander-Tuscheln im bunten Baumwollsäckchen schwoll an. "Was regt Ihr Euch so auf", konterte nun eine weitere Stimme von ihnen, "wir können froh sein, dass wir nicht im Müll gelandet sind." "Stimmt", klang es aus einer anderen Ecke, "viele von uns, die in die Erde gekrochen sind, hatten keine Chance, weil sie im nächsten Frühjahr mitsamt Wurzeln und Trieben herausgerissen werden und auf den Kompost fliegen."
"Der heiße Whirlpool war toll", sinnierte ein anderes Stimmchen. "Ich war richtig high in diesem Duft und wie wir uns gegenseitig an den Bäuchen gerubbelt haben, um die Kleider loszuwerden". Ein spitzes Stimmchen schimpfte "Ferkel".Das nun erneut anschwellende Schubsen und Kicken, Kieksen und Klickern summierte sich zu einem knerzenden Geräusch und die vielen klitzekleinen Bewegungen ließen das Baumwollbeutelchen von seinem Platz auf einem rotkarierten Paket auf den Boden plumpsen. Ein Schreckruf drang aus dem unteren Sackzipfel: "Aua - nicht alle auf mich. Ich habe Angst im Dunkeln und außerdem Klaustrophobie!"
Plötzlich drehte sich der Schlüssel im Schloss der Wohnzimmertür. Und das aufflammende Licht drang durch den Baumwollstoff des Säckchen, in dem sich die Eingeschlossenen mucksmäuschen still verhielten. Gebannt sahen sie durch das poröse Gewebe, wie Menschen in den Raum traten, wie sie die Kerzen am Baum und auf dem Tisch entzündeten. Dann fielen sie sich in die Arme, wünschten sich "Frohe Weihnacht" und stürzten sich auf die Geschenke am Fuß des Weihnachtsbaumes.
Zwei Hände packten auch nach dem Baumwollsäckchen. "Was issn das" fragte eine neugierige Stimme und malmte das Säckchen zwischen beiden Handflächen. Die Eingenähten klickerten durcheinander wie Murmeln.
"Gleich wird mir schlecht", japste einer von ihnen. "Das ist Gewohnheitssache beschwichtigte ihn ein Gefährte; "wirst schon sehen: mit jedem Mal wirst Du runder und glatter und Deine Figur immer schöner!"
"Ein Kirschkernkissen" frohlockte es nun von außen und weiter "das ist die gesündeste Wärme, die die es gibt; viel gesünder und vor allem sicherer als Heizkissen und Wärmflasche." Wieder ließ man das Baumwollsäckchen auf den Handflächen wippen. In seinem Inneren hoppsten die Kirschkerne mit; sie schubsten und schunkelten und fanden schnell Spaß an diesem Spiel.
"Zwei Minuten in die Mikrowelle" rief es nun von draußen. Alle Kerne stürzen in die untere Ecke weil sie an einem Stoffzipfel hochgehoben wurden. Nach zwei Sekunden stockdunkler Nacht begann sich der Untergrund langsam zu drehen. Ein Brummen übertönte das aufgeregte Gewisper: "Was ist denn nun schon wieder los? Uih, mir wird so herrlich warm!" Dann knackte es und das Licht schien wieder durch den Stoff. Einen kurzen Moment wippten alle Kerne wieder und fielen dann in zwei Lager auseinander. "Spürst Du die wohlige Wärme auf Deiner Schulter?" hörten sie von außen. Eine Hand streichelte über das Kissen und die warmen Kerne. "Eine Wohltat, wahrhaftig", kam es zurück.
Da wussten die Kerne im Baumwollbeutel endlich, was ihre Bestimmung war. "Ach, ich kann mir das ganz schön vorstellen, das schlanke Knie einer netten Dame zu wärmen oder vielleicht sogar das Bäuchlein?" Ein dicker Kern nebenan brummte: "So ein Blödsinn, nette Damen mit schlanken Knien haben keinen Bauch. Mir ist es egal, ich liege auch gerne auf dem Bauch eines Mannes. Hauptsache Körperkontakt und dass es gut riecht." Aber das Schönste, darüber waren sich alle Kerne einig, das Schönste sei, dass sie alle zusammen sein und noch ein bisschen Spaß haben könnten. "Ist das nicht wunderbar" rief einer der Kerne, "nun haben wir es herrlich warm und sind auch noch richtige Wohltäter geworden - wenn es hier nur nicht so dunkel wäre!"
Wenn die Kirschkerne freilich gewusst hätten, dass Weihnachten ist und was Weihnachten ist, dann hätten Sie das Baby, in dessen Körbchen sie gelegt wurden, glatt fürs Christkind gehalten.

© Fischer + Siegmund 2001