RFS-ALVIV
RFS-Titel
NAV-04
Kurzgeschichten-Titel
Scharfe Sachen

Eine weihnachtliche Geschichte von Ute Fischer und Bernhard Siegmund
_Scharfe Sachen überm Christbaum1
Schon im Januar, der Garten hält noch seinen Winterschlaf, breiten Helene und Erwin ihre gesammelten Samen-Schätze aus und versenken sie in Anzuchtkästen. Schon bald drängeln sich grüne Triebe in Töpfen und Kästen, auf den Fensterbänken und im Wintergarten dem Licht entgegen. Neben der üblichen großen Tomatenkollektion für den Garten sollen diesmal Paprika, Auberginen und ein Sortiment unterschiedlicher Chilis im Gewächshaus den Ton angeben. Diese scharfen Früchtchen befeuern die Lust der Köche. Da sind die fruchtigen Kirsch-Chilis aus Venedig, Schärfe 7-8, die Glockenchilis und kleinen Jalapenos, Schärfe 6-7, und ganz neu die langen Cayennes mit Schärfe 8 und erst recht die gelben Habaneros mit der gnadenlosen Schärfe 10. Im März kommen sie zur Abhärtung ins Gewächshaus und müssen sich bis Mitte Mai mit Tomaten, Salat und Sommerblumen arrangieren. Doch kaum gibt es Platz, beginnt für die Chilis, für die Paprikas und für die Gurken ein Wettstreit im Recken und Strecken. Je größer die Pflanzabstände waren, umso mehr breiten sich die Pflanzen offensichtlich aus.
_Scharfe Sachen überm Christbaum2
„Platz da!“ Drei Habanero-Stauden streiten sich mit orangefarbenen Minipaprikas: „Was wollt ihr süßen Luschen hier eigentlich im Chiligebiet?“ „Angeber“, ertönt es von den Paprikas. „Bildet euch bloß nichts ein. Ihr seid scharf und sonst nix. Aber wir haben Aroma und Vitamin C, ätsch!“ „Was heißt denn hier Chiligebiet“, wettert eine stattliche Aubergine von der anderen Gewächshausseite und wippt mit prallen, glänzenden Früchten. „Wir sind auch zu dritt, aber liefern viel mehr Früchte. Und erst unsere hübschen lila Blüten. BLLL!“ Die grüne Paprika stöhnt: „Eure Sorgen möchte ich haben. So lang und schwer waren meine Früchte noch nie. Hoffentlich brechen mir die Arme nicht ab.“

„Hehe, was soll das Gekeife,“ melden sich die Gurken. Sie klammern sich wie Kraken an die Spalierwand und wickeln ihre Haltetriebe um alles, was sich nähert. „Lass das“, faucht ein Habanero, als eine Gurkenpflanze ihre Fühler nach ihm ausstreckt. „Tschuldigung“, zuckt diese zurück und sucht Halt in der anderen Richtung. Alle kichern, weil sie sich nun ans eigene Bein packt. „Dummerle“, sagt sie zu sich selbst und greift wieder rückwärts ans Spalier. Bis zu 40 Zentimeter lang sind ihre Früchte. Sie müssten schon lange geerntet werden, aber Erwin übersieht sie immer hinter den Blättern. „Es ist einfach viel zu eng hier“, kommen die Pflanzen überein. „Wir sollten uns etwas kontrollierter ausbreiten und jede Ecke nützen. Denn wenn einer den anderen behindert, kommt Erwin mit der Schere und schneidet gnadenlos ab, was im Wege steht.
 
_Scharfe Sachen überm Christbaum3
Und da sind auch noch die roten Chilis, immerhin vier verschiedene Sorten. Sie sind fest überzeugt, dass sie die Schönsten sind. Wie lackierte rote Pfeile baumeln sie zwischen den grünen Blättern und liebäugeln mit Erwin: „Nimm mich“, schäkern sie mit ihm, wenn er mal wieder Gedanken verloren vor den gelben Habaneros steht und grübelt. Sie sind ja wirklich hübsch, diese goldgelben Laternchen. Und sie sollen scharf sein?

In den folgenden Monaten liefern das Gewächshaus und der Garten täglich ihren Beitrag für die abwechslungsreiche Küche von Helene und Erwin. Auch einzelne Chilis würzen die Gerichte. Nur um die Habaneros machen die beiden bisher einen großen Bogen. Die angedrohte Schärfe 10 hat doch eine ziemlich abschreckende Wirkung. Nach vielen Informationen aus dem Internet überwiegt die Neugierde auf diese gelben Früchtchen. Vorsichtig schneidet Erwin eine kleine Kappe vom unteren Ende ab, teilt wiederum davon ein kleines Stückchen ab und probiert. Große Enttäuschung! „Quatsch, iss nich scharf“ murmelt Erwin. Helene probiert ebenfalls. „Verbrauchen wir die Dinger eben einfach als normale Paprikas,“ beschließt sie.

_Scharfe Sachen überm Christbaum4


„Haben wir da etwas verwechselt, oder haben die süßen Minipaprikas damit etwas zu tun?“ Dann schneidet Erwin die obere Kappe vom Habanero ab und probiert ein winziges Stückchen. Es dauert nur einige Sekunden, bis die gnadenlose Schärfe in seinem Mund explodiert. Ausspucken der Probe ist zwecklos. Nur ein Liter Milch und ein Esslöffel Olivenöl beruhigen die Geschmacksnerven im Mund ein bisschen. „Also doch Schärfe 10,“

Weil das Gewächshaus für den Winterbetrieb gerüstet werden muss, erntet Erwin jetzt ziemlich radikal. Die Früchte werden verarbeitet und die Pflanzen auf dem Kompost entsorgt. Die Jalapenos und Cayennes piesackt eine große Stopfnadel. Damit fädelt Erwin sie auf lange Fäden und hängt sie im Wintergarten zum Trocknen unter die Galerie. Die dickfleischigeren Kirsch- und Glocken-Chilis zerteilt ein scharfes Messer. Danach bläst ihnen Warmluft im Kombidämpfer das Wasser aus dem Leib.
_Scharfe Sachen überm Christbaum5
Nach den leidvollen Erfahrungen, „genießen“ die Habaneros eine Sonderbehandlung. Erwin entkernt sie und kratzt auch die InnenhäutchTannenbaum4en heraus. Ein Bad in einer milden Salzlake vertreibt über Nacht einen weiteren Teil der Schärfe. Nach dem Trocknen bleibt ein kleines Häufchen gelber dünnhäutiger Chilistückchen übrig, mit dem sich jetzt vernünftig würzen lässt. Inzwischen hängen die Jalapenos und Cayennes zwar etwas eingeschrumpelt, aber immer noch recht stattlich, in langen roten Reihen im Wintergarten. Unter ihnen auf einem Teller ein kleines Häufchen Habanero-Häutchen, die gerade in einen Leinenbeutel gefüllt werden. Vorbei ist die Schönheit.

Lichterketten im Garten künden von der nahen Weihnacht. Ein duftender grüner Tannenbaum entfaltet im Wintergarten mit dem vielen glitzernden Schmuck seine ganze Pracht. „Logenplatz“ kichert ein Jalapeno, „wir können hier Weihnachten mitfeiern und die großmäuligen, scharfen Habaneros hocken jetzt in ihrem Beutel irgendwo in der Küche.“ „Und dabei sind wir ja auch noch ganz schön scharf,“ brüstet sich eine kecke Cayenneschote. In den langen roten Reihen raschelt es leisen Beifall.

Als dann am Heiligabend die Kerzen am Christbaum flackern und die Menschen unter ihnen Weihnachtslieder anstimmen, kommt auch bei den halb getrockneten Chilis Festtagsstimmung auf. Dabei vergessen sie ganz, dass sie irgendwann doch noch in der Suppe landen oder bei einem so köstlichen Braten, wie er unter ihnen gerade verzehrt wird, für die richtige scharfe Würze sorgen.
 
© Fischer + Siegmund 2010