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Kurzgeschichten-Titel
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Eine weihnachtliche Geschichte von Ute Fischer und Bernhard Siegmund
 
Auf Island unweit des nördlichen Polarkreises sind die eisigen Winter sehr, sehr lang. Ein ideales Gebiet für Trolle; aber sie scheuen das Tageslicht. Nach einem alten Fluch verwandelt der dünnste Sonnenstrahl die Trolle zu Stein. So entstanden die Westfjorde. Die 3.000 Inselchen in der Bucht Breiðafjörður sind nichts anderes als versteinerte Trollfrauen, die vor langer, langer Zeit versuchten, die Berge abzutragen. Wie besessen gruben sie und wirbelten bis zum Morgengrauen. Als die Sonne über den Horizont blitzte, erstarrten alle zu Stein. Soweit die Vorgeschichte.
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Auch die alte Trollfrau Grýla achtet streng darauf, dass ihre unternehmungslustigen Söhne nur bei völliger Finsternis frische Luft schnuppern dürfen. Naturgemäß geht das nur im Winter. Jedes Jahr vor Weihnachten, wenn die Nächte stockdunkel sind, lässt sie sich von ihnen erweichen. Ab dem 12. Dezember darf täglich einer hinab ins Tal. Die Isländischen Kinder wissen das, auch dass diese Weihnachtstrolle allerlei Schabernack treiben: Kerzen klauen, Würste anbeißen, Kartoffeln in Stiefel stopfen oder in die Fenster glotzen. Angeblich tun sie das nur bei Kindern, die nicht artig waren. Auf den Fenstersimsen ausgelegte Plätzchen und Käsestückchen sollen sie milde stimmen. Manchmal funktioniert’s.

Doch an diesem 11. Dezember steht plötzlich eine wunderschöne Fee mit goldenem Haar vor Grýlas Höhle. Unwirsch zitiert sie die 13 Söhne herbei. „Ihr seid rotzfrech und ärgert die Leute. Das muss sich ändern. Wenn ihr euch dieses Jahr anständig benehmt, nicht klaut, keine Angst und Schrecken verbreitet, erlöse ich euch vom Stein-Fluch“. Sprach‘s und verschwand.

Die verdutzten Trollsöhne überlegen. Nie wieder frech sein? Aber die Aussicht, künftig bei jeder Tages- und Nachtzeit die Höhle verlassen zu können, lässt ihre Fantasie sprießen. Am 12. Dezember steigt der Schafschreck Stekkjarstaur zu Tal. Als er an der Schafkoppel vorbei kommt, will er wie immer die Schafe in den Popo kneifen. Aber dann holt er tief Luft und streichelt ihnen nur übers Fell. Am 13. macht sich der Schluchtentölpel Giljagaur auf ins Dorf. Vor den Türen stehen leere Kinderstiefel. Was kann er Gutes tun? Er hat nichts dabei außer einem großen Schnupftuch. Damit wienert er die Kinderstiefel, bis sie wie neu glänzen.
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Am nächsten Tag klettert der Knirps Stúfur eine Dachrinne hinauf, um wie gewohnt Gespenst zu spielen. Aber dann sieht er Kinder im Pyjama vor dem Fernseher. Statt sie wie früher mit lautem „ho ho ho“ zu erschrecken, summte er ein Lied aus seinen Kindertagen. Die Kinder stürmen freudig ans Fenster und glauben, das Christkind hätte ihnen zugerufen.

Am 15. Dezember macht sich der Löffellecker ϸvörusleikir auf den Weg. Er folgt dem Duft einer leckeren Fleischsuppe. Es kostet ihn große Überwindung, den Topf nicht zu leeren, dann legt er aber nur den Deckel drauf, damit der Hofhund nicht drankommt. Am 16. überkommt den Topflecker Pottasleikir Heißhunger vor einem Topf voller Speckknödel. Aber dann stopft er sich sein Schneuztuch in den Mund und hält sich die Nase zu. Geschafft. Den Schüssellecker Askasleikir haben seine Brüder vorgewarnt. Gegen den Appetit hat er sich ein Stück Brot und ein Sträußchen Petersilie eingesteckt. Vor einem frischen Lauchkuchen laufen ihm die Tränen übers Gesicht. Nein. Artig legt er sein Petersiliensträußchen daneben und läuft nach Hause. Der ungestüme Türtreter Hurǒaskellir poltert am 18. Dezember ins Tal und stoppt mit Mühe vor der ersten Tür. Nicht treten, warnt seine innere Stimme. Irgendwie muss er sich austoben. In seiner Not schnappt er sich einen Schneeschieber und schippt den ganzen Hof vom frischen Schnee frei.

Am nächsten Abend hat Grýla dem immer durstigen Skyrschlund Skyrgámur extra eine Kanne Tee mitgegeben, damit er die Weinflaschen stehen lässt. Aber die Lust übermannt ihn. Mit dem Finger reibt er sich ein paar Tropfen aus einer Schnapsflasche unter die Nase. Lecker! Aber er hält durch.
 
Den Rauchwurststibitzer Bjúgnakrækir beschwört Grýla, am 20. nichts zu stehlen, nur zu schauen. Fast ohnmächtig von dem Duft schleicht er ums Rauchhaus. Letztes Jahr hat er alle Wurstzipfel abgebissen. Heute leckt er nur an einer einzigen Wurst. Aus schlechtem Gewissen hackt er das ganze Holz vor dem Anwesen.
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Am 21. wird der Fenstergaffer Gluggagægir dringend ermahnt, nicht in die Fenster zu glotzen und die Kinder mit Grimassen zu erschrecken. Auf den Fensterbänken liegen Zimtsterne. Vorsichtig mit zwei Fingern schiebt er sie sich schmatzend in den Mund. Im Haus weint ein Kind nach seiner Mama. Nur weg, bevor die Fee das hört.

Wie wird es dem Türschlitzschnüffler Gáttaϸefur ergehen? Der Trollbub läuft am 22. Dezember gleich in den Wald. Er will gar nicht erst in Versuchung geraten, die Leute im Dorf mit seinem Schnauben vor der Türe zu erschrecken.

Keulenklauer Ketkrókur sieht am 23. herrliche Schinken über sich baumeln, reißt sich aber zusammen und knabbert missmutig ein Stückchen Käse vom Fensterbrett. Und dann pinkelte er noch „Frohe Weihnacht“ in den Schnee. Endlich am 24. Dezember wird der Kerzenschnorrer Kertasnikir losgelassen. Jedes Jahr plündert er die Weihnachtsgestecke und manch frisch geschmückten Christbaum. In diesem Jahr aber macht er es ganz anders. Er hat aus der Haarbürste seiner Mutter alle silbergrauen Haare gezogen und drapierte sie nun wie Lametta auf den Büschen vor der Kirche. Die Kerzen bleiben an Ort und Stelle. Geschafft.
 
Aufgeregt warten die Troll-Buben am nächsten Tag auf die Fee. Aber die kommt nicht. Ob der Zauber gewirkt hat? Als es hell wird, schicken sie Bjúgnakrækir vor. Vorwitzig steckt er seinen Kopf ins Licht und spürt plötzlich etwas Hartes in seinem Mund. Auf seiner Zunge befinden sich lauter kleine Steinchen. Ansonsten bleibt er lebendig. Auch Skyrgámur wundert sich über Dreck unter seiner Nase. Aber der lässt sich abputzen. Grýla freut sich für ihre Jungs, verharrt aber im Dunklen. Noch weiß sie nicht, dass der Fluch durch die heldenhaften Taten ihrer Söhne nun für alle Trolle gelöscht ist. Daher ist es nicht auszuschließen, dass sich einige unter uns befinden.

Eine isländische „Weisheit“ lautet, dass sich eine gute Geschichte nicht von der Wahrheit stören lassen sollte.

Wir wünschen besinnliche, friedliche Feiertage und ein erfolgreiches Jahr 2018

Ute Fischer + Bernhard Siegmund   Redaktionsbüro Fischer + Siegmund
In den Rödern 13, 64354 Reinheim, Tel. 06162-2205, 06162-5932, www.fischer-siegmund.de