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Kurzgeschichten-Titel
Wie Luise

Eine weihnachtliche Geschichte von Ute Fischer und Bernhard Siegmund

"Hier, an diesem Geburtstagsgeschenk wirst du dir die Zähne ausbeißen", grinst der Sohn und drückt seinem Vater ein Paket in die Hand. Neugierig schüttelt Bernhard sein Geschenk. "Ich vermute ein Puzzle. Oh, die Blumenkinder von Anne Geddes. Das wird tatsächlich nicht einfach. Überall diese großen weißen Flächen. Aber das schaffen wir sicher auch noch". Seine Frau Ute nickt bestätigend.

"Ich hasse diese blöde Schüttelei", wispert es im Innern des Pakets. Die Blumenkinder haben ja auch schon eine aufregende Vergangenheit hinter sich. Erst in leuchtenden Farben auf Karton gedruckt, dann in 900 Teile zerschnitten und wild durcheinander gemischt. "Aber wenigstens habe ich jetzt die Chance, wieder ein Mädchen zu werden", flüstert die kleine Suse von links unten. "Ja, ja", pflichten die anderen Puzzleteile bei. Das hört sich ziemlich komisch an, weil oft die beiden Mundhälften aus unterschiedlichen Ecken zu hören sind. Nur Robert protestiert leise: "Wenn ich erstmal zusammengesetzt bin, dann hab ich neben mir nur den langweiligen Hansi. Aber jetzt kann mein rechter Arm an Suses Oberschenkel kuscheln und Inges Näschen rubbelt an meinem Bauch". "Lustmolch", kichert Inge verlegen.
_Wie Luises fehlender Fuß den Blumenkindern das Weihnachtsfest rettet
Die Blumenkinder freuen sich, dass sie nach so langer Dunkelheit endlich wieder das Tageslicht erblicken. Dabei gibt es gleich die erste Enttäuschung. Bernhard und Ute suchen nämlich erst einmal alle Randstücke heraus, und lassen die bunten Blumenmützen links liegen. Während alle durcheinander schimpfen, dass sie nicht zuerst ausgesucht werden, beruhigt der kecke Fred aus der rechten oberen Bildecke: "Ihr werdet schon sehen, wenn die den Rand fertig haben, kommen die ohne unsere farbigen Teile überhaupt nicht weiter".

Er hat recht. Als der Rahmen nach vielen Versuchen endlich fertig ist, werden alle Teile nach ihrer Farbe sortiert. "Ich glaube, wir fangen mit den Blumenkindern an den Seitenrändern an. Da haben wir schon ein paar Anknüpfungspunkte", plant Bernhard. "Das ist unfair", protestieren sofort die Teile aus der Bildmitte, "da müssen wir ja ewig warten". "Nun macht mal halblang", mischt sich die rechte Mundhälfte des lustigen Phil ein. "Woher sollen die beiden denn wissen, welches Teil zu wem gehört. Ich weiß ja auch nicht, wo meine linke Mundhälfte liegt". "Ich kann dich aber sehen", antwortet das passende Teil prompt, "und ich schmuse gerade mit Lolas Wange". "Verrate doch nicht alles", zischelt Lola.

Die Blumenkinder werden auf eine harte Geduldsprobe gestellt, denn das Puzzle erweist sich als ziemlich hartnäckige Angelegenheit. Aber nach einigen Wochen sind sie alle fast fertig zusammengesetzt. Nur noch wenige Teile fehlen. Dabei brennt die Sonne unbarmherzig auf den Wintergarten, in dem der Tisch mit den Puzzeltabletts steht. Nur weit offene Türen und Fenster sorgen für ein sanftes Lüftchen.

Bernhard sitzt mit Ute auf der Terrasse unter dem Sonnenschirm, als ziemlich schnell ein kräftiges Gewitter heraufzieht. Die beiden lassen sich zuerst noch den Wind auf der Terrasse um die Nase wehen. Als die Böen heftiger werden, haben sie alle Hände voll zu tun, um Sonnenschirm und Möbel in Sicherheit zu bringen.

Die Blumenkinder sind inzwischen in heller Aufregung. Ihr Tablett steht genau im Durchzug zwischen zwei Türen und wackelt schon bedenklich. "Mensch, merken die denn nicht, das wir in höchster Gefahr sind", bibbern Fred, Inge und Robert gemeinsam, denn am rechten Außenrand spüren sie den Wind als erste. Als das Tablett anfängt stärker zu wackeln, fangen auch die andern in höchster Not an zu kreischen. Leider hört sie keiner und auf der Terrasse benötigt der Sonnenschirm volle Aufmerksamkeit, weil die Gewitterböen schlagartig Sturmstärke erreicht haben.

Auf dem Tablett herrscht jetzt pure Panik. "Das überstehen wir nicht", schreit die sonst so ruhige Luise vom linken Rand. Auch die fesche Lola hält nichts mehr: "Ich hab mich doch so gefreut, endlich wieder ganz zu sein. Jetzt war die ganze Warterei umsonst", heult sie hemmungslos. Nur der lustige Phil bleibt ruhig. "Haltet euch gut aneinander fest", ruft er in das Gekreische, "dann dauert es nach dem Crash nicht so lange, bis die uns wieder zusammen gesetzt haben". Sein guter Ratschlag geht aber im Getöse unter.

Als Bernhard und Ute endlich an die offenen Wintergartentüren denken, ist es schon zu spät. Die nächste Bö pustet das Tablett mit den Blumenkindern quer durch den Wintergarten. Einzelne Teile fliegen bis in den Garten hinaus. Andere landen in Blumentöpfen, unter Möbeln und zwischen Zeitungen. Als die Türen endlich geschlossen sind, ist nichts mehr zu retten. "Ob wir wirklich alle Teile finden, werden wir erst sehen, wenn das Puzzle wieder fertig ist", seufzt Bernhard. "Dabei waren wir schon fast fertig".

Auf allen Vieren kriechen die zwei durch den Wintergarten und wühlen im Garten durch das Gras. Mit Erfolg. Allmählich sammeln sich die Teile wieder auf dem Tablett. Sogar einige Fragmente von den Blumenkindern sind noch zu erkennen. Ob die Phils Rat zum Festhalten befolgt haben? Auch mit der Erfahrung vom ersten Puzzle-Versuch dauert es wieder ziemlich lange, bis sich die Konturen des Bildes abzeichnen. Die Reaktionen unter den Blumenkindern reichen denn auch von Luises bitterlichen Weinen: "Ich will eendlich meine Beieieine wiederhaben", bis zu Freds trockenem Kommentar: "Jetzt könnt ihr wenigstens nicht über meinen dicken Bauch lästern, ich hab nämlich noch keinen!" Dem verschmitzten Hansi treibt nur eine Frage um: "Hoffentlich haben die auch wirklich alle Teile gefunden. Sonst bleiben wir mit irgendwelchen Löchern im Körper übrig." Evi und Rita finden das gar nicht lustig: "Wir wolln aber wieder ganz, ganz heile werden", jammern sie und stecken die Köpfchen zusammen. Mehr ist von ihnen auch noch nicht zu sehen.

Es dauert etliche Wochen, bis das Puzzle wieder seine alte Form annimmt. Jeden Tag stellt sich die Frage, welche Teile fehlen? Robert, der Guck-in-die-Luft, ist ziemlich überfordert, wenn er dauernd genervt wird: "Siehst du irgendwo mein linkes Auge", will Suse wissen, "ich hab doch so schöne blaue Augen"! Rita und Evi stört das weniger, denn ihre linken Augen sind sowieso von der gelben Blumenhaube fast verdeckt. Jeder fehlt aber noch eine Hand, nach der sie jammern.

Je weniger bunte Teile übrig bleiben, um so schneller wachsen die Blumenkinder zusammen. Nun wird es aber auch deutlich, dass mindestens zwei Teile fehlen. Die schüchterne Luise ist ganz unglücklich, denn Sie vermisst ein Stück von ihrem linken Fuß. "Warum soll ich denn ein Krüppel bleiben? Irgendwo muss doch mein Fuß sein. Kann mir denn niemand helfen?" jammert sie. Rolf scheint es dagegen nicht zu stören, dass ihm eine Blume an seiner bunten Mütze fehlt. Er findet auch etwas Trost für Luise: "Ich glaube unsere beiden Puzzle-Freunde stört es viel mehr als uns, dass da noch zwei Teile fehlen. Ich sehe Bernhard immer wieder in den Ecken suchen. Warten wir's ab." Der kesse Fred meint dazu: "Ich glaube, die beiden fehlenden Teile retten uns einige Zeit davor, gleich wieder in den Karton zu wandern. Habt ihr irgendwo ein fertiges Puzzle gesehen? Wenn eins ganz fertig ist, wird es bestimmt wieder zerlegt und in die Schachtel gepackt. Also genießt die Zeit!"

Und es gibt tatsächlich etwas zu sehen und zu genießen. Draußen macht sich der Winter breit und drinnen wird Weihnachten vorbereitet. Und obwohl es eigentlich stört, bleibt das Tablett mit dem unvollständigen Puzzle unberührt in der Ecke stehen. Nicht ganz, denn Mitte Dezember kommt Bernhard triumphierend mit der fehlenden Blume von Rolfs Mütze: "Ich hab das Teil in Omas Schreibzeug gefunden," berichtet er stolz. Während Rolf sich über den Zuwachs freut, erinnern sich die anderen an Freds mahnende Worte. "Wo es gerade so spannend wird, möchte ich noch nicht in den Karton zurück", mosert Inge, die von ihrer rechten Ecke die beste Sicht hat.

Ein großer Weihnachtsbaum mitten im Wintergarten fasziniert jetzt die Blumenkinder. Sogar Luise vergisst vor lauter Staunen ihren fehlenden Fuß. "Mensch sieht der Baum toll aus", begeistert sie sich und die anderen murmeln anerkennend. Am Heiligabend hat sich die ganze Familie vor dem Baum versammelt. "Wann darf ich denn meine Geschenke auspacken", quengelt der kleine Enkel. Mitten in diese Spannung hinein ruft die Oma: "Guckt mal, was ich hier in meinem Strickkorb gefunden habe. Ich glaube, das ist ein Teil von eurem Puzzle. Jetzt könnt ihr das endlich fertig machen und wegräumen.

Bei den Blumenkindern herrscht große Aufregung. Luise weiß nicht recht, ob sie sich freuen soll, als Bernhard ihren Fuß in die letzte Lücke auf dem Puzzle setzt und ihr dabei leicht über die Wange streichelt. "Also heute an Weihnachten räumen wir das Puzzle nicht weg. Die Blumenkinder können ruhig auch mal zusammen feiern", bestimmt Bernhard.

Gut, dass die Menschen den Jubel auf dem Puzzle nicht hören können, die sind jetzt auch viel zu sehr mit dem Auspacken von Geschenken beschäftigt. "Prima"! "Klasse"! "Mensch, toll", klingt es durcheinander. "Ich wusste gar nicht, dass wir auch einmal Weihnachten feiern dürfen", jubelt die fesche Lola und alle stimmen begeistert ein: "Frohe Weihnachten, frohe Weihnachten, frohe Weihnachten…

© Redaktionsbüro Fischer + Siegmund 2006