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RFS-Titel
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Kurzgeschichten-Titel
Wie der liebe Gott

Eine Weihnachtsgeschichte von Ute Fischer und Bernhard Siegmund

Jedes Jahr am Nikolaustag treffen sich die Mittelmeerfische bei Gibraltar, um zu beraten, wo sie das Weihnachtsfest verbringen wollen. Die Fische der Nordsee und der Ostsee treffen sich allerdings in der Dingle Bay vor den Skellig Islands zum großen Festpalaver. Am 7. Dezember beim friedlichen Nach-Hause-schwimmen überraschte sie alle ein großes Atlantikunwetter. Schwere Stürme und gewaltige Sogwellen peitschten die See, und zerrupften ihnen die Flossen. Ein unterozeanischer Sandsturm verwüstete den Meeresboden. Erst nach drei Tagen hatten sie sich wieder gefunden und machten sich auf den Heimweg.

_Wie der liebe Gott die Fische bunt machte1Die Mittelmeerfische merkten recht bald, sie hatten sich verirrt. Mit jedem Flossenschlag wurde es kühler und das Schwimmen mühsamer. "Ich kriege heute die Flossen gar nicht hoch", seufzte eine schnuckelige Dorade. Auch die Bewegungen des starken Wolfsbarschs an ihrer Seite, der schon den ganzen Vormittag den tollen Macker abzog, wurden immer müder. "Ich hab mir wohl `was gezerrt", stöhnte er, räkelte den Kopf und krümmte den Rücken, "irgendwie habe ich ein steifes Genick und einen kalten Bauch." Und leise fügte er hinzu: "Ich bräuchte ein bisschen Wärme!" "Ich auch", sprudelte die Dorade aggressiv heraus, "aber nicht was du denkst; sondern ich bin mir ziemlich sicher, dass wir in falsche Richtung zur Biskaya schwimmen. Die vier Wracks in der letzten Stunde hab ich noch nie gesehen."

"Ach du meine Güte" seufzten ein paar Goldbrassen, "werden wir jetzt tiefgefroren?" "Quatsch", schimpfte die Dorade, "wir schwimmen ganz einfach zurück bis es wieder wärmer wird. Sagt es den anderen weiter; vor allem den tüdeligen Wolfsbarschen. Vor lauter Quatschen merken die erst im Ärmelkanal, dass ihnen die Kiemen abfrieren." Die Goldbrassen holten sich die schnellen Schwertfische zu Hilfe und gemeinsam brachten sie den Fischschwarm zum Stoppen.

Die Nordseefische, an Temperaturen zwischen zehn und zwölf Grad gewöhnt, waren weit in den Atlantik abgetrieben. Als sie es merkten und gegensteuerten, standen sie schon dicht vor Porto. Und das Wasser wurde wärmer und wärmer. "Umkehren" morste ein großer Kabeljau, "Bouillabaisse voraus" und stellte sich quer. So schnell konnten die anderen Fische gar nicht bremsen und sie rammten sich gegenseitig das Maul in die Schwanzflosse der Vorderfische. Davon waren etliche Flossen arg zerfranst.

Ihr habt einen Orientierungssinn wie eine Cola-Dose" schimpften die Schollen. Und ein riesiger Butt maulte "Stümper". "Frutti die Mare" rockten ein paar halbwüchsige Makrelen in der Annahme, dabei handele es sich um eine Fischdisco. Die eitlen Schellfische frisierten erst mal ihre Flossen, dann tuschelten sie miteinander und formierten sich wie ein Pfeil. "Alle uns nach" riefen sie den anderen Fischen zu, "jetzt zeigen wir euch mal, was ´ne Gräte ist!"

Volle Kraft voraus schwammen nun beide Fischschwärme zurück und trafen bei Vigo aufeinander. "Zurück, zurück" riefen die Nordseefische, weil sie dachten, das seien ein paar Nachzügler von ihnen. "Ihr seid falsch" behaupteten die Mittelmeerfische, weil auch sie die Nordseefische für ihresgleichen hielten. "Brrrr, in diese Richtung ist es viel zu kalt" schüttelte sich die Rotbarbe. Der Heilbutt schnaubte die Kiemen: "Nee, in diese Richtung kocht mir der Rogen!" Endlich begriffen die Fische, dass sie gar nicht zusammen gehörten und aus zwei völlig unterschiedlichen Meeren kamen.

Der Kabeljau schwänzelte eine Runde um die Fremden und mümmelte: "Ihr seht ja aus wie wir." "Wenn ich so aussehen würde wie du", fiepste eine Rotbarbe, "würde ich freiwillig in die Pfanne springen!" Aber auch die anderen Fische stimmten dem Kabeljau zu, dass sie alle eine silberne Haut besaßen und auf den ersten Blick tatsächlich nicht zu unterscheiden waren. Da kam der schon ziemlich alte, und deshalb weise Butt auf eine wunderbare Idee.

Jedes Jahr zu Weihnachten lädt der liebe Gott eine Abordnung der Tiere ein, um ihnen einen Wunsch zu erfüllen. In diesem Jahr sind die Krokodile und die Fische dran. "Wir wünschen uns", begann der Butt leise zu formulieren, "wir wünschen uns, dass wir Fische unterschiedliche Farben tragen dürfen." Stille. Nur einige Luftblasen gluckerten nach oben. "Du meinst", begann eine Goldbrasse, "jeder eine eigene Farbe!" Der Butt nickte. Die Dorade meldete sich: "Ist das nicht unbescheiden? Es muss ja nicht gleich jeder eine eigene Farbe bekommen. Es wäre ja schon ein Fortschritt, wenn wir Mittelmeerfische eine andere Farbe hätten als die Nordseefische!" Auch der Wolfsbarsch meldete sich zu Wort: "Dann könnten wir uns bei Ausflügen auch nicht mehr verschwimmen!" Aufgeregt flatterte die Flunder: "Ich will aber nicht rot oder blau werden, da sieht mich ja jeder!" Die Dorade beschwichtigte sie: "Der liebe Gott wird es schon Recht machen!"

_Wie der liebe Gott die Fische bunt machte2Als die Mittelmeerfische am ersten Weihnachtsfeiertag aus ihren Höhlen kamen und nach Luft schnappten, erblickten sie ungewohnte rote Lichtreflexe um sich. "Der liebe Gott hat uns rot gemacht", juchzten sie. Doch was war das? Einer von ihnen war nicht rot, sondern blau mit gelben Flossen. "Du bist falsch hier", riefen die Roten und "ist dir nicht viel zu warm?" Dem anpassungsfähigen Knurrhahn war die Temperatur schnuppe. Die niedliche Goldbrasse, der er heimlich nachgeschwommen war, betrachtete ihn zwar erst argwöhnisch; aber dann verliebte sie sich doch in ihn. Einige Zeit später schwammen viele junge Fische um sie herum. Sie waren rot und blau und rot-blau und blau-gelb und gelb-grün. Und schon zwei Jahre danach wimmelte es von kunterbunten Mittelmeerfischen.

Die Nord- und Ostseefische blieben indes alle einfarbig blau, weil kein bunter Mittelmeerfisch sich in ihre kühlen Gefilde traute und die dortigen strengen Temperaturen sowieso nicht ausgehalten hätte. Nur die langweiligen Lachse, hatten nicht mitgemacht. Sie blieben silbern und landeten schlussendlich in der Suppe.

© Fischer + Siegmund 2002