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RFS-Titel
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Kurzgeschichten-Titel
Wie die Meisen

Eine weihnachtliche Geschichte von Ute Fischer und Bernhard Siegmund

_Wie die Meisen für fröhliche Vogelweihnachten sorgen1„Schnarch nicht so laut Emil“, fiepst Igeldame Elsa und stuppst ihren grunzenden Partner an. Es dauert eine Weile, bis der endlich ein Auge aufkriegt. „Was ist denn los mit Dir“, faucht er, “Du kannst doch nicht einfach unseren Winterschlaf unterbrechen. Wir haben sowieso viel zu wenig Fett auf den Rippen. Wenn Du keine Ruhe hältst, kommen wir nie über den Winter“.  „Püh, Winter“, echauffiert sich Elsa,   „da ist doch kein Winter. Es ist viel zu warm, da kann ich nicht schlafen. Draußen ist auch so ein Krach, als ob schon Frühling ist. Vielleicht haben wir ja verschlafen“ „Glaub ich nicht“, knurrt Emil. „dann wäre Dein Hintern nicht so dick“. Trotzdem schiebt er neugierig seine Nase aus der molligen Laubhöhle unter dem Gartenhaus. Tatsächlich, nach Winter sieht das nicht aus. Es ist für Igel viel zu warm. Neben den kahlen Obstbäumen tragen die Rosenstöcke noch farbige Knospen, beim Nachbarn blüht ein Strauch rosa und die Forsythie zeigt gelbe Blütenreste. „Schlimm, schlimm“, murmelt er, und Elsa, die sich ängstlich an seine Seite schiebt, flüstert rechthaberisch: „Siehst Du, deshalb konnte ich nicht schlafen.“

Olga, die Feldmaus flitzt vorbei und bremst abrupt bei den beiden. „Was ist denn mit euch los, ist es euch auch zu warm?“ Emil und Elsa nicken matt. Olga: „Alle spielen verrückt. Robert, der Amsler, hat Stare gesehen. Die sparen sich die Strapazen nach Afrika und bleiben hier. Meine Cousine Beate wohnt bei einem Wissenschaftler, da kriegt sie alles mit.“

„Was kriegt sie mit,“ drängelt Elsa. „Klimawandel und Erderwärmung! Was das bedeutet, weiß ich auch nicht so recht,“ erklärt Olga. „Beate meint, die Menschen verschmutzen irgendwie die Luft. Dadurch kommt zu viel Sonne auf die Erde und es wird wärmer. Also künftig gar kein Winter mehr. Kein Schnee, kein Winterschlaf, einfach nix.“ „Wenn das mal gut geht“, murmelt Emil skeptisch. Elsa nickt verunsichert und kratzt sich eine Zecke vom Bauch: „Hau ab Du Vieh“, schimpft sie, „diese Biester kennen auch keinen Winter mehr!“
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„Es hilft alles nichts“, gähnt Emil gelangweilt, „wir müssen weiterschlafen oder uns etwas zum Fressen suchen. War hier nicht ein Komposthaufen?“ „Das ist aber unser Revier“, protestiert Olga. „Halt die Klappe“, knurrt Emil die kleine Feldmaus an und stellt seine Stacheln gefährlich auf. Diese Drohung überzeugt Olga und sie trollt sich maulend ihres Wegs.

Als die beiden Igel schnaufend den Komposthaufen erklommen haben, empfängt sie eine ziemlich laute Vogelschar, die den stachligen Gesellen nur widerwillig Platz macht. Gerade hat die Hausfrau ihren Komposteimer geleert. Die dampfenden Küchenabfälle sind wahre Köstlichkeiten für die Tiere. Während Elsa und Emil genüsslich die Speisereste mampfen, können sie aus dem vielstimmigen Geschnatter und Gepiepse eine ziemlich schlimme Geschichte heraushören.

Das mit dem Klimawandel hat Olga recht treffend erklärt. Die Folgen für die Vögel hören sich ziemlich dramatisch an, obwohl sie mehr aus menschlicher Schludrigkeit passieren. Weil das Wetter kein Winter- und Weihnachtsgefühl aufkommen lässt, denken die Leute auch nicht daran ihre Vogelhäuschen aufzustellen und zu beschicken. Die Igel haben genug gehört. Sie trollen sich wieder in ihre Höhle, und versuchen den kräftesparenden Winterschlaf fortzusetzen.
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„Natürlich finden wir bei dem Wetter auch so noch genug Futter,“ schnarrt Robert in die Runde, „aber aus dem Häuschen zu futtern ist eben viel bequemer.“ „Ja und so eine leckere Kalorienbombe wie eine Mahlzeit vom Meisenknödel findest du sonst nirgendwo“, zwitschert Fritz der kecke Meiserich dazwischen. Horst der Buchfink drängelt sich mit seiner hellen Stimme in den Vordergrund: „Wir müssen den Menschen irgendwie klar machen, dass sie uns nicht vergessen dürfen. Robert, ihr Amseln hüpft doch den Leuten immer ohne Angst vor den Füßen rum, hast du keine Idee?“ „Ob die sich von uns Amseln überhaupt beeindrucken lassen, weiß ich nicht“, wehrt der Amsler ab. Wenn ein paar von euch bunten Meisen denen aber plötzlich auf die Pelle rücken, wirkt das sicherlich sehr viel mehr. Vor allen Dingen, ihr seid so klein, da kriegen die nicht gleich Angst vor euch.“ Der Vorschlag gefällt Fritz und den anderen Meisen nicht besonders. Ziemlich kleinlaut sucht er nach einer passenden Ausrede. Mit viel Überredungskunst versuchen alle anderen Vögel, ihn zu überzeugen. Den Ausschlag gibt aber Isolde, eine wunderschöne Blaumeisendame. „Wenn du vorausfliegst, lieber mutiger Fritz, dann werden wir anderen Meisen dir sicher folgen“, versucht sie ihn zu betören.
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„Und wie stellt ihr euch das vor“, gibt sich Fritz geschlagen. „Ich denke, ihr fliegt wie ein Schwarm auf den nächsten, der in den Garten kommt zu und versucht immer möglichst dicht bei ihm zu bleiben“, meldet sich Horst wieder zu Wort, nachdem die Buchfinken noch einmal davongekommen sind. „Vielleicht begreift er dann, dass ihr Hunger habt.“

Gesagt, getan. Als der Hausherr morgens zielstrebig auf das Gewächshaus zusteuert, wird er plötzlich von einem Schwarm bunter Meisen umringt. Er traut sich kaum weiterzugehen, um keinen Vogel zu verletzen. Irgendwann kehrt er entnervt ins Haus zurück und berichtet von diesem seltsamen Erlebnis. „Es sieht fast so aus, als wollten die Vögel mir etwas mitteilen. Einmal hab ich sogar an Hitchcock gedacht. Aber sie waren nicht aggressiv.“ „Vielleicht haben die ja nur Hunger“, mutmaßt die Hausfrau. Warum haben wir denn das Vogelhäuschen noch nicht aufgestellt? Es ist doch schon zwei Tage vor Weihnachten.“ „Ich dachte, bei dem warmen Wetter, brauchen die Vögel kein zusätzliches Futter. Aber gut, ich kümmere mich sofort darum.“

Als er wenige Minuten später mit dem Vogelhäuschen auf der Terrasse erscheint, tobt die muntere Vogelschar durch die umste-henden Bäume. „Hurra, es geklappt“, tirilieren sie und loben die tapferen Meisen. Irgendwie wird der feige Horst jetzt ganz neidisch, zumal die schöne Isolde sich ganz eng an Fritz kuschelt. Und als eine ganze Tüte Vogelfutter im Häuschen verschwindet und auch noch ein paar Meisenknödel herunter-baumeln, kann sich der muntere Schwarm kaum zurückhalten. Die Menschen im Haus drücken sich derweil die Nasen an den Fensterscheiben platt. „Siehst du, ich hatte doch Recht. Sie haben Hunger“, meint die Frau. „Wir sollten den Tieren im Garten eine Weihnachts-freude machen.
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Am nächsten Tag zieht die ganze Familie los. Der Verkäufer will ihnen zwar klar machen, dass Vögel nur bei geschlossener Schneedecke gefüttert werden müssen, aber er will ja auch verkaufen und deshalb sein Wissen loswerden.

Für Körnerfresser gibt es Mischungen mit hartschaligen Sämereien und für Weichfresser weiches Futter mit Beeren und gequetschten Körnern. Dazu kommen fettreiche Meisenknödel und Ringe. Besonders wertvoll ist Frischkost. Äpfel in schnabelgerechte Häppchen geschnitten machen nicht nur satt, sondern liefern viele nötige Nährstoffe und Flüssigkeit. Amseln fressen gerne Äpfel und in Fett getränkte Haferflocken. Alle Meisen lieben Fettfutter. Bei den Buchfinken stehen dagegen Hanf- und andere kleine Sämereien hoch im Kurs. Sperlinge fressen einfach alles. Mit ein paar großen Futter-Tüten bepackt, kehrt die Familie heim.
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Als am Heiligabend die Kerzen am Christbaum durch das Fenster leuchten, wundern sich die Vögel nicht schlecht, welche köstlichen Leckereien ihnen die Menschen im Garten beschert haben. Die wiederum freuen sich über das muntere Treiben auf ihrer Terrasse. Und als sich ein paar freche Spatzen unter die bunten Vögel mischen, will sie Robert verscheuchen. „Lass sie doch mitfeiern“, flüstert die verliebte Isolde, „heute ist ja Weihnachten.“


© Fischer + Siegmund 2007