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Deutsche Spuren in Ostkanada

Die Wiege des heutigen Kanadas steht am Sankt-Lorenz-Strom

Artikel aus dem Buch "Sehnsuchts-Trip Sankt Lorenz Strom" von Ute Fischer und Bernhard Siegmund

Der französische Kapitän Jacques Cartier aus St. Malo frohlockte und irrte. Er glaubte 1534 tatsächlich, den Weg nach China gefunden zu haben. Doch es war nur ein großer Fluss, der ihm im Nordatlantik mit einem gewaltigen Tiedenhub von bis zu 14 Metern entgegenströmte, der Sankt-Lorenz-Strom. Von dem gesamten Flusssystem, das auf 3.700 Kilometer unter verschiedenen Namen auch die großen nordamerikanischen Seen speist, misst  die 1959 eröffnete Wasserstraße 293 Kilometer. Sie führt von den Niagara-Fällen bis zum Atlantik. Neu-Frankreich benannte Cartier das entdeckte Land, das heutige Kanada. Doch es sollten noch ein paar Jahrhunderte vergehen, bis sich Franzosen, Briten und Indianer kriegerisch arrangierten. Hunderte von Siedlern aus Europa, auch viele Deutsche, scheiterten, hungerten, wurden massakriert oder litten unter den ungewohnt strengen Wintern. Nur wenige konnten sich mit dem waldreichen Land am Wasser arrangieren.  Denn die meisten waren Stadtmenschen, sie mussten Landbau und Fischfang als Lebensgrundlage erst lernen.

Die ersten Deutschen kamen als Glaubensflüchtlinge im 17. Jahrhundert. 1793 gründeten sie Toronto am Sankt-Lorenz-Strom, heute mit 6,5 Millionen Einwohnern die schnellst wachsende Stadt Kanadas und Partnerstadt von Frankfurt am Main. Allein zwischen 1820 und 1914 verließen sechs Millionen Deutsche aus Armut ihre Heimat; davon machten sich 80.000 auf nach Kanada.  Unter ihnen Jakob Friedrich Schoellkopf aus Kirchheim/ Teck, der 1879 die ersten Wasserkraftwerke an den Niagara-Fällen errichtete. Von 1919 bis 1933 ließen sich weitere 30.000 Deutsche hier nieder. Nach dem zweiten Weltkrieg bis 1969 folgten ihnen 300.000. Viele Deutsche kamen auch über die USA nach Kanada. Bei einer Volkszählung 1991 gaben fast drei Millionen Kanadier an, ausschließlich deutscher Abstammung zu sein.


Reisende im Osten Kanadas stoßen auf viele deutsche Spuren. Speziell die Provinz Ontario mit sehr kalten Wintern und heißen Sommern gilt heute als bedeutendstes Weinbaugebiet Kanadas, das größte davon Niagara Peninsula mit circa 5670 Hektar Rebfläche. 1811 pflanzte der deutschstämmige Johann Schiller die erste Wildrebensorte Vitis labrusca am Credit River.  Das Alkoholverbot während der Prohibition wurde durch geschicktes Taktieren mit der Weinlobby umgangen. Allein in Ontario überlebten 57 Weinbaubetriebe. Die meisten entstammen deutschen Winzern. Immer wieder prämiert werden Merlot, Riesling, Chardonnay, Pinot Noir, Cabernet Sauvignon. Die wirkliche Wein-Erfolgsstory begann aber erst 1973, als der deutsche Winzer Walter Hainle die Produktion von Eiswein begann. Kanada ist heute der größte Eisweinerzeuger der Welt. Speziell in dem kleinen Ort Niagara on the Lake, wegen der vielen Kunstschaffenden gerne mit Worpswede verglichen,  entwickelte sich Eiswein zum touristischen Hauptanziehungspunkt.

Ein Zeugnis deutscher Romantik schuf der in Bergen auf Rügen geborene George Boldt. Inmitten des vom Sankt-Lorenz-Strom gespeisten Seengebiet der Thousand Islands baute er zwischen 1894 und 1904 ein schlossartiges Gebäude im Stil einer mittelalterlichen Rheinburg. 45 Millionen Dollar investierte der durch das New Yorker Waldorf-Astoria-Hotel wohlhabend gewordene Boldt, um seiner Frau Louise das 120-Zimmer-Gebäude als Symbol der Liebe zu schenken. Kurz vor der Vollendung starb sie. Boldt verließ noch am gleichen Tag die Insel und betrat sie nie wieder.

Auch Montreal in der Provinz  Quebec liegt am Sankt Lorenz-Strom. Bis zur Gründung 1642 starben etliche Siedlergenerationen an Skorbut oder sie erfroren im kalten kanadischen Winter. Mit über vier Millionen Einwohnern ist Montreal heute die zweitgrößte Stadt Kanadas und überwiegend frankophil. Viele wissen nicht, dass ausgerechnet hier der spätere Nazi-Außenminister Joachim von Ribbentrop eine Banklehre begann. Aus Angst vor Tuberkulose verließ er den schlecht durchlüfteten Bürojob und suchte Arbeit in einem Ingenieurbüro, das mit dem Bau der Flussbrücke in Quebec beauftragt war. Bei der 1919 eröffneten Brücke handelt es sich um eine sogenannte Gerberträger-Konstruktion, die bereits 1915 bei der Railway-Bridge über den schottischen Firth of Forth angewendet wurde. Dieses Brückenprinzip erfand der oberfränkische Bauingenieur Heinrich Gottfried Gerber aus Hof an der Saale.
Am offensichtlichsten zeigt sich das deutsche Erbe in der Provinz Nova Scotia mit der Hauptstadt Halifax. Noch heute gibt es Straßennamen wie die „Gottingen-Street“. Unter den Ertrunkenen der Titanic, die 1912 auf ihrer Jungfernfahrt kenterte, befanden sich auch Deutsche, die zum Teil auf Halifaxs Friedhöfen bestattet sind.  Kanzler Helmut Kohl kam anlässlich des 21. Gipfels der G7-Staaten mit dem Schreck davon, als auf der Zitadelle ein unangemeldeter Startschuss abgefeuert wurde. Sämtliche Sicherheitsoffiziere warfen sich über die hohen Gäste, unter anderem Jacques Chirac, Bill Clinton, John Mayor und Boris Jelzin. Das Ereignis wurde lange totgeschwiegen. 

Als älteste deutsche Siedlung gilt noch heute die kleine Hafenstadt Lunenburg, etwa 90 Kilometer westlich von Halifax. Ihr Stadtkern mit markanter, knallbunt angemalter Holzarchitektur, sogenannte Kapitänshäuser, gehört seit 1995 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Der Name geht auf das Herrscherhaus Braunschweig und Lüneburg zurück. Im Juni 1753, erzählt uns der Scout, seien die ersten 1500 deutschsprechenden Glaubensflüchtlinge eingetroffen. Die Stadtmenschen waren größtenteils auch hier überfordert, ihren Lebensunterhalt durch Fischfang zu verdienen. Andererseits war das felsige, von Gletschern abgeräumte Land auch zum Gemüseanbau ungeeignet. So kehrten die meisten frustriert nach Europa zurück. Die zurückgebliebenen begannen 1754 mit dem Bau einer Kirche, die in ihren Ursprüngen noch erhalten ist. Um sie zu vergrößern, zog man sie 1871 mit mehreren Ochsengespannen sieben Meter nach Westen.  

Auch in Peggy’s Grove, der Ort mit dem am  meisten fotografierten Leuchtturm der Welt, strandeten um das Jahr 1800 sechs deutsche Familien.  Auf den von Gletschern abgeschrubbten kahlen Granitwülsten, balancieren die kleinen Häuser der rund 650 Einwohner, durch Holzkonstruktionen festgezurrt, wie man es von Grönland kennt. Sie arrangierten sich mit dem Fang von Hummern, die sie heute 300.000 bis 500.000 Touristen jährlich servieren. So lockt der Osten Kanadas und speziell die waldreiche Provinz Nova Scotia auch heute noch Besucher und moderne Siedler an.

Die Autoren reisten mit Bavaria Fernreisen.  Weitere Pauschalanbieter: www.canusa.de . Informationen: www.novascotia.com/de. 
Die gesamte Reise ist beschrieben in dem Buch „Sehnsuchts-Trip Sankt-Lorenz-Strom“.